(D)Evolution und Sinuskurven….

sinusA Brave New World.

Wenn man sich so umschaut, dann könnte man sagen, alles ist gut und besser, als es jemals war. Die Evolution des Menschen und die Evolution der Gesellschaft schreiten wacker voran.

Und was für eine Evolution. Wir haben es innerhalb weniger hundert Jahre geschafft, uns vom finsteren Mittelalter hin zu einer fantastisch aufgeklärten, wissbegierigen, sozialen Gesellschaft zu entwickeln, einer solidarischen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die auf gegenseitigem Respekt, Diskriminierungsfreiheit und Gleichberechtigung aller Individuen basiert, einer Gesellschaft, in der Menschenrechte und staatliche Verfassungen allen ein gutes Miteinander garantieren.

Dieses gleichberechtigte Miteinander gestattet uns, guten Gewissens billige Lebensmittel zu erwerben, billige Klamotten und Rohstoffe aus aller Herren Länder zu verkonsumieren, alles in dem Wissen, dass die Menschen, die für diese unsere Konsumlust mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben bezahlen, dies aus freien Stücken tun, um ihren Platz in dieser Gesellschaft zu rechtfertigen.

Und dann erst die Möglichkeit der Information und des Informationsaustausches! Ein kurzer Klick ins Internet bringt uns das Wissen der Welt ins Wohnzimmer, wir können mit minimalem Aufwand erfahren, was am anderen Ende der Welt geschieht und wie sich unser Verhalten auf globale Prozesse wie Armutsbildung, Hungersnöte und Umweltvernichtung auswirkt. Und wir nutzen diese Werkzeuge. Wir saugen uns förmlich voll mit Inhalten von außerordentlicher Relevanz.

Online-Spiele, der Austausch darüber, was wir essen und wie wir es zubereitet haben („man nehme eine Maggitüte und 350ml Wasser…“) und die Suche der Bedeutung des Wortes „nequissimus“ bilden dabei nur die Basis, gekrönt von der gesellschaftlichen Relevanz bewegter Katzenbilder. Wir nutzen die uns gegebenen Werkzeuge um unseren Geist permanent mit hochwertigstem Futter zu versorgen.

Auch das TV und andere Medien tragen ihren Teil bei zu einer gut informierten, aufgeklärten Gesellschaft. Dokumentarische Wissenssendungen klären darüber auf, was passiert, wenn man mehrere Silvesterböller in einen Eimer Farbe tut, die Kulturelle Höhe konzertartiger Orgien, in denen Mentos in Diätcolaflaschen geworfen werden, wird zelebriert, die sozialen Errungenschaften der Kinderpsychologie und finanzieller Beratung werden ausführlich dokumentarisch beleuchtet um zur Aufklärung der Bevölkerung beizutragen.

Politik und Wirtschaft tragen ebenso ihren Teil zur Evolution der Gesellschaft bei. Da wird nie gegeizt mit Phantasievollen Auslegungen der Realität oder dem gut kaschierten Auslassen oder Verbiegen von Wahrheiten. Alles, um die Bevölkerung immer wieder anzuregen, selbst zu denken.

Naja… zugegeben, bei genauerem Hinsehen, sieht Evolution anders aus. Bei ganz genauem Hinsehen könnte man sogar meinen, wir devolvieren gesellschaftlich.

Aufklärung? Das scheint doch heute eher etwas zu sein, was die Mehrheit der Menschen nervt, zumindest, wenn es nicht gerade um die Form von Aufklärung geht, die einen darüber aufklärt, wo es gerade die billigsten Flachbildfernseher gibt.

Auch im Arbeitsleben scheint es heute vorwiegend um Verblödung zu gehen. Die technische Entwicklung, davon ging man noch vor wenigen Jahrzehnten aus, würde auf Grund hoher Automatisierung schon zu Beginn des 21sten Jahrhunderts Arbeitszeiten von unter 20 Stunden pro Woche in der Breite der Bevölkerung erlauben. Ohne gesellschaftlichen Produktivitätsverlust.

Was sehen wir davon? Nichts. Anstatt auf Vollautomation zu setzen werden minimale Schritte in Fertigungsprozesse eingebastelt, die die Anwesenheit von Menschen zu stupidesten Tätigkeiten notwendig machen. Wir laufen zunehmen in den neuen Burnout, den so genannten Bore-out. Menschen, die sich an ihrem Arbeitsplatz in permanenter Unterforderung in die Depression langweilen. Menschen, die unter Stress stehen, weil sie irgendwie permanent den Anschein erwecken müssen, was zu tun. Arbeit wird trivial und öde, unbefriedigend und unproduktiv.

Politische Partizipation. Wir eilen auf die Wahlen zu. Gibt uns das irgendeinen Spielraum? Denkt mal zurück an die letzten Regierungen der SPD/GRÜNEN, der CDU/SPD und der jetzigen CDU/FDP. Könntet Ihr aus dem Stegreif irgendeinen Unterschied festmachen?

Die SPD hat mit den Grünen Hartz IV gebastelt, Schwarzrot hat praktisch nix gemacht, Schwarzgelb die Atomkraft abgeschaltet. Berechenbare Politik, die mir eine sinnvolle Wahlentscheidung erlaubt, sieht wohl anders aus, oder? Die Entscheidungen der Politik, egal welcher Partei unter den etablierten, orientieren sich weder an Parteigrundsätzen noch an politischen Philosophien oder gar am Bürger, sie orientieren sich einzig an den vermeintlichen Alternativlosigkeiten, geronnen aus dem Antrieb, die Funktion der Gesellschaft zu optimieren.

Wenn aber Funktionalität über Menschlichkeit steht, dann ist die Menschlichkeit am Ende!

Nun gab es in der Geschichte der Menschheit wohl einiges Auf und Ab in der gesellschaftlichen Entwicklung. Die großen Philosophen der Antike zeigten mit Wegweisenden Gedanken, wohin die Reise der Menschheit gehen könnte. Das Mittelalter und die Inquisition zeigten Eindrucksvoll, wie Menschen unter der Knute gehalten werden können, Menschen wie Galileo aber oder Zeiten wie das Zeitalter der Aufklärung wieder zeigten den unbändigen Willen des Menschen, seine Umwelt zu verstehen, die Industrialisierung wieder führte in Ausbeutung und Knechtung, die Bewegungen des 20sten Jahrhunderts zeigte den Antrieb zu sozialer Gleichheit, Demokratie und Solidarität.

Es scheint, wie so vieles, ein stetes Auf und Ab zu sein, eine Phase der Aufgeklärtheit wird von einer Phase der Separierung und der Verdummung ganzer Bevölkerungsschichten abgelöst, bis das Fass irgendwann überläuft, der Scheitelpunkt der Kurve erreicht ist, und die Entwicklung die Richtung wechselt.

Wenn ich mich heute so umschaue, dann kann ich nur hoffen, dass wir nicht am Anfang einer Abwärtsbewegung stehen, sondern uns in der Nähe des unteren Scheitelpunktes befinden…

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