Netzpolitik und die Netzgemeinschaft im Gemeinschaftsnetz

(Originalpost entstanden im März 2013, Ergänzung November 2013)

Wem gehört das Netz?

Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Die ersten „Personal Computer“ die sich breit machten. Die Diskussionen, ob man nun einen 386er oder einen 486er braucht, um zukunftssicher aufgestellt zu sein. Erinnere mich an die Annahme, dass ein 386er sicher gut genug wäre, um die nächsten 10 Jahre noch „gut auf Stand“ zu sein.

Ich erinnere mich an diese Zeit, als es in meinem Bekanntenkreis drei, vielleicht vier Leute gab, die einen Internetzugang zu Hause hatten, erinnere mich an erste Communities, die deutschlandweit vielleicht 100 Mitglieder auf sich vereinten. So entstanden Bekanntschaften im Netz. Eine Gemeinschaft, die einer lokalen Gemeinschaft irgendwie ganz ähnlich war. Man „kannte“ sich.

Gunnar Sohn hat in den letzten Tagen das Thema Netzpolitik, öffentliche Präsenz der Netzgemeinde und die Frage, wie die Netzgemeinschaft ihre Interessen besser in der breiten Öffentlichkeit platzieren kann angesprochen, Diskutiert und mit Texten bedacht. Netzpolitische Aktivität in der Öffentlichkeit.

Ich für meinen Teil beginne mit einer Frage: Wer ist die Netzgemeinschaft und wo befindet sie sich?

In den Anfängen meiner Netzzeit hatte allein die Anwesenheit im Netz etwas vereinendes. Man verstand sich sicherlich nicht mit jedem, aber es gab ein verbindendes Element. Wenn ich von Netzgemeinschaft sprach, war das für mich ein ziemlich klar umrissener Begriff. Die Menschen, die im Netz aktiv sind. Heute ist nun im Prinzip jeder im Netz aktiv.

Meine Mutter ist im Netz aktiv.

Die Firma, für die ich arbeite, ist im Netz aktiv.

Mein Supermarkt ist im Netz aktiv.

Sogar die Leute, die sich aktiv gegen eine Netzkultur stellen… sind im Netz aktiv.

Wer also ist „die Netzgemeinschaft“?

Hier scheiden sich nun irgendwie Realität und Wahrnehmung. Stets bin ich versucht, im alten Muster zu denken und anzunehmen „wer im Netz ist, ist Teil der Netzgemeinschaft“. Aber das Netz ist heute eben nicht mehr eine begenzte Gruppe von interessierten, engagierten Leuten. Aus dem Netz der Netzgemeinschaft ist das Gemeinschaftsnetz aller geworden. Damit einhergehend, dass heute jeder im Netz ist, ist aber nicht das gemeinsame Interesse gewachsen, nein, die Schnittmenge gemeinsamer Interessen scheint in der Tat geschrumpft zu sein.

Ja. Interessante, irgendwie netzaffine Inhalte, werden geteilt und verbreitet innerhalb der Communities und Social Networks. Petitionen werden geteilt und sogar gezeichnet. All das verbleibt aber reaktiv und, und das ist mein Hauptanliegen, innerhalb des Netzes.

Und damit nähern wir uns meiner Meinung nach auch schon der Antwort auf einen Teil meiner Einstiegsfrage. Die Netzgemeinschaft, wenn ich es heute betrachte, ist reduziert auf jene, die tatsächlich aktiv sind. Auf diejenigen, die meinungsbildend und aufrufend Dinge im Netz zu bewegen versuchen.

Eben diese Netzgemeinschaft ist aber heute keine Gemeinschaft in dem Sinne mehr, sondern weitegehend fragmentiert, schwimmend in der Masse des Gemeinschaftsnetzes wie schimmernde Ölaugen. Aktivitäten und Zusammenschlüsse treten eher zufällig auf, verschiedene Blogger, Aktivisten und Netzwerker greifen, unabhängig voneinander, oftmals gleiche Themen auf – wenn alles gut läuft. Läuft es noch besser, lösen sie vielleicht sogar eine Welle aus, die durch das Gemeinschaftsnetz schwappt, läuft es schlecht, dann bleiben es einige Tropfen im Ozean.

Ausgedünnt wird diese eh schon kleine Chance, etwas in der breite der Masse zu bewegen dadurch, dass das Gemeinschaftsnetz sich permanent um Katzenbilder, lustige Sprüche oder die Boulevardpresse dreht, gipfelnd in Themen wie dem berühmt gewordenen #Aufschrei, mit dem dann tatsächlich mal ein Thema den Weg aus dem Netz in die Mainstream Medien gefunden hat, um dort im Sinne von „die sind ja lustig da im Netz“ als kleine Freakshow präsentiert zu werden. Ganz allgemein beobachte ich, dass, wenn denn mal etwas aus dem Netz den Weg in Mainstreammedien wie TV findet, der Freak- oder Nerd-Faktor stets irgendwie mitschwingt, das Netz – obwohl längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen – noch immer irgendwie als Randerscheinung präsentiert wird. Ein ernstgenommenes Thema jedenfalls sind Netzbelange in Print und TV ebenso wie im Radio kaum.

Und da haben wir auch schon den zweiten Teil der Antwort auf meine Einstiegsfrage. Wo ist die Netzgemeinschaft? Die Netzgemeinschaft ist diffus. Sie ist überall und zugleich doch nirgends. Fragmente im Ozean des Gemeinschaftsnetzes. Zumindest überall da, wo es um die ganz alltäglichen netzpolitischen Belange geht.

Komischerweise gelingt es tatsächlichen Randgruppen im Netz durchaus, sich zu organisieren und konzertiert zuzuschlagen. Seit Tagen strauchelt das Netz über massive DDoS Attacken, die sich gegen eine auffällig gewordene Spam-Blocker-Plattform (http://www.spamhaus.org/) richten. Spammer, Spamlastige „Unternehmen“ und Befürworter totaler Kontrollfreiheit im Netz haben sich binnen kürzester Zeit arrangiert und eine Welle losgetreten, die in Form von Performanceeinbußen im gesamten Netz bemerkbar ist. (Link zu Spiegel Online)

Wenn aber netzpolitische Belange in die Breite der Bevölkerung getragen werden sollen, wenn den Menschen klargemacht werden muss, dass wir, wenn wir von Netzpolitik reden, unter anderem von Persönlichkeitsrechten und Grundrechten sprechen,  dann scheitert die Netzgemeinschaft daran, ihren wie in der katholische Kirche nach innen gerichteten Aktionsradius zu verlassen.

Ja! Man echauffiert sich!

Ja! Man empört sich!

Ja! Man teilt seinen Unmut lautstark mit.

Leider nutzt man dafür Mittel, die kaum die Reichweite haben, den eng gesteckten Raum der Social Networks zu verlassen. Leider diskutieren immer wieder die selben Menschen die selben Themen (da nehme ich mich auch nicht aus). Leider dreht sich die Netzgemeinschaft da, wie der sprichwörtliche Hund, im Kreis auf der Jagd nach dem eigenen Schwanz.

Hinzu kommt, dass auf der Jagd nach ständig neuem Futter für Leser, Zuhörer und Zuschauer die Halbwertszeit unserer Empörung erschreckend gering ist. Der Aufreger von heute ist morgen schon vergessen, weil der nächste den besseren Aufreger aus dem Hut gezaubert hat. Die Petition von heute morgen schon von der noch wichtigeren Petition wegen des noch erschreckenderen Missstands abgelöst.

Anstatt nachhaltig für eine positiv ausgerichtete, praxisorientierte und akzeptable Netzpolitik einzutreten und Aktivitäten zu konzertieren und abzustimmen, ergeht man sich in epileptischen Zuckungen eines täglichen sich neu Ausrichtens um dem Zeitgeist nur ja nicht hinterherzuhinken und überfüttert dabei wiederum den vorbeieilenden Leser, der kaum noch ein Thema fokussieren kann, ehe nicht ein neues Thema mit Blitz und Donner um seine Aufmerksamkeit ringt.

Dabei bietet das Netz doch Möglichkeiten. Vor allem Möglichkeiten, aus sich selbst herauszutreten. Das, was im Moment nur „die lustigsten Onlineclips“ oder PSY oder was auch immer demonstrieren… Ich erinnere mich noch heute mit Faszination an das „Star Wars Kid“, das es (unfreiwillig) mit unbeholfenen Verrenkungen und dem Tanz mit einem Besenstiel von der kanadischen Provinz bis in die Deutschen Abendnachrichten schaffte und heute einen eigenen Wikipedia-Eintrag sein eigen nennt (Wikipedia Star Wars Kid). Im letzten Jahr gelang PSY wesentlich professioneller ein ähnlicher Coup, der ihn in den internationalen Pop-Olymp hievte.

Ist es möglich, ähnliche Effekte auf echte Inhalte zu übertragen? Ist es möglich, bestimmte netzpolitische Themen präsent zu halten in einer Form, die nachhaltig diese Themen nicht nur im Netz rotieren, sondern auch die Grenzen des Netzes verlassen lässt?

Gelesen, verstanden und abgelehnt wurden Themen wie ACTA/SOPA, das LSR oder die Pläne der EU in Sachen Wasserversorgung im Netz. Aufgabe sollte es sein, diese und andere Themen schon vorher dorthin zu bekommen, wo sie sonst nicht hinkommen.

Ist das Netz Lebensraum oder ist es Kommunikationswerkzeug? Ich würde sagen, da finden wir nun den Unterschied. Das Gemeinschaftsnetz ist Kommunikationswerkzeug. Die Netzgemeinschaft, ist Teil des Lebensraums. Ich glaube, die Netzgemeinschaft sollte sich nicht damit begnügen, im Netz präsent zu sein sondern den Weg suchen, die eigenen Inhalte auch dort zu platzieren, wo Menschen erreicht werden, denen das Netz fremd ist oder denen es „nur“ zur Unterhaltung dient.Ich glaube, das Netz sollte nicht als separater Lebensraum einer begrenzt umrissenen Gruppe, sondern als Teil des Lebensraums an sich wahrgenommen werden.

Ich glaube auch, ein Gedanke, der mir jetzt gerade kommt, dass wir uns vom Begriff „Netzpolitik“ vielleicht verabschieden sollten. Letztlich reden wir doch in den meisten Fällen von ganz anderen politischen Bereichen, die wir unter dem Begriff „Netzpolitik“ als Konterpart zur „Normalen Politik“ unter einen Hut pressen. Damit erreichen wir aber womöglich nicht einen besonderen Fokus sondern bei vielen vielleicht viel eher ein „Abschalten“ weil für die persönlichen Belange eher uninteressant.

Meinungsfreiheit geht jeden an. Netzpolitik… nur die Leute im Netz.

Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung sind wichtig für Jedermann. Netzpolitik… nur für die Leute im Netz.

Welcher Teil des Internets ist Teil der Privatsphäre, welcher Teil ist öffentlicher Raum?

Unser Anliegen sollte es sein, Netzpolitik zur Bürgerpolitik zu machen, zu einem politischen Thema, das jeden angeht.

NACHTRAG NOVEMBER 2013

Nach nunmehr über einem halben Jahr bin ich hier mal wieder rein gestolpert und habe meinen eigenen Text nochmal Revue passieren lassen. Was soll ich sagen, heute bin ich frustrierter als zuvor.

Die Entwicklungen der letzten Monate, nach dem Blogpost entstanden, hätten ein Katalysator sein können, ja sein müssen, die das Netz, die Netzgemeinschaft, hätten aufrütteln und irgendwie einen können. Stattdessen bleibt es bei genau der beschriebenen Fragmentiertheit des Netzes. Hier ein guter Blogpost, hier ein guter Artikel. Stets vereinzelt, nie massiv. Die „Elite“ schweigt und die Netzgemeinschaft schweigt weitgehend mit, findet den Weg aus dem Netz heraus und hin zum „Bürger“ nicht.

Wie ich in meinem Blogpost Digital Natives und die Conquistadores auf der Suche nach Neuland satirisch vorhersage, scheint mir damit die „Kultivierung“ des Netzes mehr und mehr besiegelt.

Ich verharre gespannt…

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2 Gedanken zu „Netzpolitik und die Netzgemeinschaft im Gemeinschaftsnetz

  1. Hallo lieber Ramoth Schreiber, hallo liebe Lesende, Michael Maier vergleicht das Internet mit dem Echolot der Delphine. (http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Maier_(Journalist) und es gibt die Katzen, die das Internet dank unserer Begeisterung für die Nachfolger von Iocaste , regieren. Und es gibt die Erdnussflips Genießer, auch eine parasoziale Gemeinschaft im Internet und eine KKundengruppe, die sich in der realen Welt wohl nie über sich selbst und die Lust am Erdnussflips Genuß aufklären kann, es wahrscheinlich auch gar nicht für sie vorstellbar ist, aus dem Genuss eines Maisproduktes auf eine soziale Bewegung zu schließen, gelle? Erdnussflips Genießer werden also wie die Autofahrerinnen und Autofahrer heute keine Gemenschaft oder gar eine Gemende bilden, daher ist der Ausdruck Netzgemeinde für Menschen, die im Internet sind, wie ramoth richtig schreibt wohl überholt. Heute überholt. Die Internetpioniere kannten sich wahrscheinlich lokal, genau wie die ersten Autofahrer, da gab es noch keinen Unterschied zwischen Produzenten und Usern. Ein weiterer Grund lieber das Netz zu beschreiben, als Analogien in der analogen Welt zu suchen. Allein es wird nicht möglich sein, weil unser Hirn so verschaltet ist, wie es ist. In dem Suchmodus oder in einer Situation des Mangels oder der Konflikten schaltet unser Gehirn auf das animistische Weltbild um, etwa wenn Autofahrer mit ihrem Auto reden, um es zu veranlassen nun morgens doch lieber anzuspringen als stumm zu bleiben. Gleiches Verhalten gleiche Definition- Parasoziale Kommunikation oder Beseelung der Maschine oder eben das Eingemeinden des www. Wir teilen den Irrtum der gleichen Sprache, nutzen Metaphern, die nicht immer glücklich sind, doch wir haben eine Chance: Wir können es hinterfragen, bloggen, darüber reden und dann sind wir ein leines Stück weiter. Salons veranstalten, wildfremde Menschen in das eigene Haus oder in einen gemeinsamen fremden Ort einladen, bei Butterbroten wie bei Rahel Varnhagens ersten Salons in Berlin oder eben bei Erdnussflips . Das sind die Möglichkeitsräume, die das Netz nicht bietet – aber dort liegt auch der Vorteil. Es ist möglich parasozial Kundschafter zu sein, sich kundig zu machen. Und das ist doch schon eine ganze Menge an Bürgerengagement. Der Rest wird sich finden.

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