Jolla und die Unken…

Zeichnung-4Angeregt durch verschiedene Kommentare und Blogposts der letzten Tage, möchte ich mich mal zu den Unkenrufen äußern, die nach der Preisgabe weiterer technischer Details allenthalben laut werden.

Was wissen wir nun über das Jolla Phone?

  • 4.5-inch “Estrade” Display mit 960 x 540 px qHD Auflösung
  • Android App Kompatibilität
  • Qualcomm Snapdragon™ Dual Core CPU 1,4 GHz
  • 16GB interner Speicher, MicroSD slot
  • Wechselbare 2100mAh Batterie, 3.8V, 7.98Wh
  • LTE (für spezifische Regionen)
  • 3.5mm Klinke, MicroUSB v2.0
  • 8MP Kamera mit LED Blitz, 2MP Frontkamera
  • 1GB Ram
  • Other Half Verbindung per wireless NFC, I2C, Direct Power
  • Multitouch mit Gorilla2™ Glass
  • MicroSim

Beginnen wir mal beim Display. Über das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges hab ich mich ja schonmal ausgelassen (720p oder 1080i ?). Tatsache ist, dass bei einem Handydisplay meines Wissens nach ab 300 DPI bei normaler Entfernung (ca. 30cm) zum Handybildschirm schlicht Schluss ist, einzelne Pixel nicht mehr erkennbar sind.

Das Jolla kommt mit 245 DPI daher und liegt damit im ordentlichen Mittelfeld. Ein iPhone liegt bei 326 DPI, heutige Flaggschiffhandys in ähnlicher Richtung, das Sony Xperia Z schiesst mit 443 DPI den Vogel momentan ab soweit ich das überblicke. Wohlgemerkt: Ab ca. 300 DPI bringt es bei normaler Sehfähigkeit für das Auge im Prinzip keinen Mehrwert mehr, wenn man das Telefon nicht unbedingt 10cm vor seinem Gesicht parkt.
(siehe auch: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_displays_by_pixel_density)

Zweiter Punkt, der allenthalben bemängelt wird, ist der doch recht mager wirkende 1,4GHz Doppelkern-Prozessor, der im Herzen des Jolla seinen Dienst verrichtet. Von Android sind wir da ja mittlerweile einiges gewohnt… Vierkern und Achtkern mittlerweile bei guten Geräten ein Muss.

Klar, da kann man dann schon mal das Murren bekommen. Aber halt! Was genau bedeutet das alles? Das iPhone 5 kommt mit einem 1,3GHz Doppelkern daher, das Blackberry Z10 kommt mit 1,5GHz Doppelkern daher. iOS und Blackberry leiden dabei wahrlich nicht an mangelnder Performance, was also verursacht diesen Run auf hoch getaktete Mehrkernsysteme?

Nun, man sollte sich klar machen, dass Android ein recht leistungsfressendes System ist. Da alle Anwendungen letztlich in einer Virtual Machine, der Dalvik VM ausgeführt werden, sind zusätzliche Rechenschritte permanent nötig, um die Kommunikation zwischen der VM und dem System sowie zurück zu gewährleisten. Ich zitiere hier mal aus Wikipedia:

However, tests performed on ARM devices by Oracle (owner of the Java technology) in 2010 with standard non-graphical Java benchmarks on both Android 2.2 (the initial release to include a just-in-time compiler) and Java SE embedded (both based on Java SE 6) seemed to show that Android 2.2 was 2 to 3 times slower than Java SE embedded.

Es ist also davon auszugehen, dass diese Kommunikation den Rechenaufwand deutlich erhöht. Was genau ist nun schlecht daran, wenn ein OS effizienter rechnet und daher weniger leistungsstarke Hardware braucht? Die Performance von Meego Harmattan wir allenthalben gelobt, obwohl es nur auf deutlich schwächeren Einkernsystemen lief.

Interessant wird die Frage, wie sich wohl Android-Apps auf dem Jolla machen, da diese scheinbar ohne Zeitverlust für Jolla übersetzt werden und damit quasi nativ laufen. Wär doch ein Knaller, wenn durch mehr oder weniger direktes, VM-freies, Arbeiten via eines Compiler-layers Android-Apps am Ende auf dem Jolla noch flüssiger liefen als auf gleichartiger Android Hardware…

Damit kommen wir dann beim Akku an. 2100mAh reißen natürlich angesichts von Akkugrößen jenseits der 3000mAh einiger aktueller Handys auch keinen mehr vom Stuhl… andererseits, auch hier hilft wieder der Vergleich, hat das iPhone 5 einen Akku unterhalb 2000mAh verbaut. Warum? Auch hier könnte man wieder Effizienz vermuten, oder? Wider Erwarten stellt sich heraus, dass nunmal die Effizienz des OS, also die Prozessorauslastung, auch ein Wörtchen mitzusprechen hat, beim Stromverbrauch.

Zum Ende hin nähern wir uns noch der Bedienbarkeit. Hier scheinen mir die Jungs und Mädels von Jolla wirklich was gutes zu leisten. In den bisher aufgetauchten Demos und in der Entwickler VM wirkt die Bedienung ausgereift und intuitiv. Im Prinzip reicht eine Hand voll Wischgesten, um fast alles zu erreichen. Bin gespannt, ob das in der Praxis bestätigt wird, aber im Moment sehe ich Jolla ganz weit oben, was die intuitive Bedienbarkeit angeht.

Alles in Allem vertraue ich darauf, dass das System die erwartete Performance liefert und warte mal ab. Jedenfalls glaube ich, dass jegliche Unkenrufe basierend auf der Hardware völlig über sind, solange wir das System nicht arbeiten sehen. Es gab mal eine Zeit, da bedeutete gute Programmierung genau das, dass man eben ressourcenschonend programmierte. Dass dieser Trend heute von immer leistungsfähigerer Hardware aufgehoben wird, finde ich ehrlich gesagt, eher unsinnig und freue mich daran, wenn hier was hoffentlich effizienteres auf schwächerer Hardware läuft.

Und zu guter Letzt steht da noch ein Wettbewerber am Start, der mal nicht irgendwo angesiedelt ist, wo man sich um seine Daten über die Maßen sorgen müsste… auch das ist ja heute ein deutliches Argument.

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2 Gedanken zu „Jolla und die Unken…

  1. Danke für Deinen Beitrag. Ich bin gespannt auf erste Berichte die über Smartphones die mit Jolla herauskommen und natürlich auch auf das erste Smartphone mit Jolla das ich in der Hand halte und ausprobieren kann. Gerade die Sache mit den Wischgesten hört sich freilich gut an, naja bin da wohl immer noch WebOS geschädigt…

  2. Naja, ist schon klar, die letzten Versuche, was neues in dem Bereich zu machen, gingen eher schief. Bei Jolla hab ich ein ganz gutes Gefühl, weil die nicht übertreiben. Die Idee, die ersten batches via PreOrder zu fahren, dürfte die Anfangsphase gut stabilisieren. Ich bin gespannt und Optimist und finde das unterstützenswert.

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