Die vergessenen 90%

Da hab ich doch heute in einer etwas polemisch geführten Diskussion die gewagte These ausgepackt, dass Europäische und Deutsche Entscheider die Bedürfnisse von 90% der Bürger mit Füßen treten würden, was natürlich sofort mit Rückfrage bedacht und nicht für voll genommen wurde.

Da sehe ich einmal mehr: Wenn ich keine Lust auf lange Ausführungen habe, einfach mal die Fresse halten.

Oder aber auch nicht… da eine Antwort definitiv den Rahmen eines g+-Threads sprengen würde, setz ich mich jetzt hier hin, kneif die Arschbacken zusammen, und Analysiere mal in Ruhe, wessen Interessen von wem so vertreten werden und ob meine 90% haltbar sind oder nicht.

Zuerst ist wohl für eine Beantwortung dieser Frage nötig, zu begreifen, dass ausnahmslos alle materielle, nicht-geldliche Wertschöpfung durch ganz normale Bürger erfolgt, durch den Arbeiter, den Angestellten, den Müllmann, den Schweißer, den Bäcker, eben all die, die mit ihren Händen etwas erschaffen oder durch ihren unmittelbaren Einsatz dafür sorge tragen, dass die Maschinerie aus Warenverkehr von der Fertigung über den Verkauf bis hin zur Nachsorge funktioniert.

Jetzt könnte natürlich der Eindruck entstehen, dass das auch für das Finanzwesen gilt. Schliesslich werden in diesem speziellen Markt hohe Provisionen und Zinsen „erwirtschaftet“, diese Annahme entpuppt sich allerdings recht schnell als Trugschluss, wenn man das System des Buchgelds mal begriffen hat und bemerkt, dass all diese „erwirtschafteten“ Gewinne letztlich auch nur realisiert werden können, weil der normale Bürger seiner normalen Tätigkeit nachgeht, dass der größt Teil des Geldes rein virtuell ist und dass im Prinzip ein permanentes undurchsichtiges Gegenrechnen von Soll und Haben in Büchern dafür sorgt, dass im Finanzwesen permanent für Leistungen gezahlt wird, die es eigentlich nur zum Schein gibt.

Somit kann an erster Stelle festgestellt werden, dass sämtliche Entscheidungen, die dem Schutz des Finanzwesens in seiner heutigen Form dienen, eine Maschinerie am Laufen halten, die die Wirtschaftsleistung halber Volkswirtschaften verzehrt, um rein virtuelle Leistungen anzubieten, die aber derartig im wirtschaftlichen System verzahnt sind, dass sie nur noch als systemimmanent bezeichnet werden können.

Aus dieser Tatsache ergeben sich dann auch die viel gerühmten Alternativlosigkeiten unserer Zeit, die allerdings nur so lange alternativlos bleiben, wie wir das System als alternativlos betrachten.

Laut den mir bekannten Zahlen besitzt in Deutschland das reichste 1% der Bevölkerung ca. 35% des Gesamtprivatvermögens. Zählt man die reichsten 10% zusammen, sind es schon 82% des Gesamtprivatvermögens. Zugegebenerweise ist das noch deutlich moderater als zum Beispiel in den USA, die dieses System perfektioniert haben, aber daran muss man sich ja nicht zwingend orientieren.

Das alles wäre auch völlig unkritisch zu betrachten, wenn wir davon ausgehen dürften, dass diese Vermögen aus Arbeit entstanden sind. Jeder soll für seine Leistung angemessen bezahlt werden, wenn diese angemessene Bezahlung für manche Menschen 17Mio. Euro im Jahr oder mehr sind, ist  mir das absolut recht. Nun kommt bei großen Vermögen aber das Spiel mit den Kapitalerträgen hinzu. Mit anderen Worten: In der Mittelschicht gibt es kein leistungsfreies Einkommen. In der Unterschicht gibt es Sozialleistungen, diese sind dem Grundsatz nach leistungsfrei. In der Oberschicht gibt es Kapitalerträge.

Kapitalerträge… sind Kapitalerträge leistungsfreies Einkommen? Nun, vor allem bedingt durch meine Ausführungen oben würde ich das nicht nur bejahen, ich würde so weit gehen zu sagen, dass Kapitalerträge leistungsfreies Einkommen finanziert durch die Wertschöpfung aus der produktiv arbeitenden Bevölkerung sind… moment mal, diese Beschreibung passt so auch auf Sozialleistungen oder? Nur mit dem Unterschied, dass hier kein Staat zwischengeschaltet ist, sondern die Finanzwirtschaft.

Das Problem dabei sind garnicht die Vermögen selbst, sondern viel mehr die leistungsfreie Verzinsung und Verzinseszinsung.

Ein Beispiel: Manager A (Name vom Autor geändert) verdient 17 Millionen Euro p/a. Angenommen, er gibt ca. 2 Millionen p/a für eigene Belange aus, was durchaus einen erträglichen Lebenswandel bieten sollte, so bleiben ihm 15 Millionen p/a. Nach 10 Jahren Tätigkeit hätte er also 150 Millionen unterm Kopfkissen.

Jetzt nehmen wir mal an, dieser Mann würde seine 15 Millionen jährlich zu 5% anlegen, was bei dieser größe durchaus ein sehr niedriger anzunehmender Zinssatz wäre. Dieses würde ihm „leistungsfrei“ zu einem Endvermögen nach 10 Jahren von 198 Millionen verhelfen. Seine 2 Millionen jährlicher Entnahme ist kompensiert und irgendwoher sind ihm 48 Millionen Euro zugeflogen, 4,8 Millionen Euro jährlich.

Diese 4,8 Millionen Euro jährlich entsprechen, ausgehend von einem Durchschnittseinkommen von 2700 EURO je Haushalt dem Einkommen von ca. 150 Haushalten. Ein Jahr später wäre übrigens schon wieder 25 Millionen hinzugekommen…. Zinsezins halt…

Woher kommt die Wertschöpfung für diese Summen?

Unser Staat, und parallel geschieht das gleiche in weiten Teilen Europas und der Welt, bewegt sich seit Jahrzehnten in die Richtung, Kapitalerträge möglichst Steuergünstig zu halten und hohe Vermögen und Einkommen möglichst zu schützen, nur minimale Zugeständnisse zu machen, wenn das Keuchen im Volk mal wieder lauter wird.

Warum werden 4,8 Millionen Euro Kapitalertäge mit ca. 28% versteuert, ohne dass sie eine Wertschöpfung bedeuten, während ein Einkommen von 60.000 EURO, das Wertschöpfung bedeutet, mit 42%, eines von 300.000 EURO mit 45% besteuert wird?

Wir haben ein System generiert, dessen Grundsatz ist „Money makes the World go ‚round“, das Problem ist, dass der Treibstoff Geld die Mühlen der Gesellschaft in dieser Form nicht durch Rotation antreibt, sondern durch die Umverteilung von unten nach oben, im Idealfall für die, die oben sind, „leistungsfrei“ durch Kapitalerträge.

Angesichts der Vermögensverteilung in Deutschland und Europa, kann man also guten gewissens davon ausgehen, dass schon alleine durch das Festhalten an dieser Form des Wirtschafts- und Finanzsystems ein „mit Füßen treten“ der Interessen des absoluten Großteils der Bevölkerung darstellt.

Nimmt man dann in die Betrachtung Faktoren wie sinkende Sozialleistungen, geringe Investitionen in die Infrastruktur (da ist Deutschland ganz groß im sparen), Herdprämie oder die Stromumlage mit in die Betrachtung, verlagert es sich noch weiter zu Ungunsten des „Normalbürgers“. Weiter gegriffen kann man die reduzierung von Krankenhausbetten, Zusatzbeiträge bei Krankenkassen, private Kosten zur Kinderbetreuung hineinbringen… die Liste liesse sich sicher verlängern…

Alles in allem bin ich nach den letzten Stunden überzeugt, dass die 90% wohl noch zu niedrig gegriffen sind… Sicher achtet der Staat sorgsam darauf, die Illusion aufrecht zu erhalten, den Bürger im Fokus zu haben, klar, es ist ja auch viel leichter, den Karren zu fahren, wenn der Esel, der ihn zieht, glaubt, er würde vom Karren geschoben und gestützt werden…

Nun will ich hier keinesfalls zu stupider Empörung aufrufen. Wichtig finde ich aber, die Mechanismen zu verstehen, um eine Bewertungsgrundlage für angebotene Lösungen zu haben und auch, um selbst darüber nachdenken zu können. Das Problem ist, dass diese Mechanismen systemisch so in unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Politik verzahnt sind, dass sie sich nicht ohne weiteres Lösen lassen. Diese Mechanismen zu eliminieren zu versuchen, gleicht dem Versuch, einem lebenden, nicht betäubten Patienten ohne Narkose und ohne ihn zu gefährden sämtliche Blutgefäße zu entnehmen.

Das dürfte dann wohl zum Scheitern verurteilt sein. Bleibt es, sich Gedanken zu machen, welche Stellschrauben man verändern kann, um das System zumindest so zu kanalisieren, dass niemand darunter leiden muss… das sollte vorrangige Aufgabe unserer Zeit sein.

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