Tauschkultur, Kulturflatrate und ein überfordertes Rechtesystem…

schlossBin ich doch mal wieder ins Denken gekommen, nachdem ich neulich die Reportage über die Pirate-Bay Jungs im TV gesehen habe. Klar, da kamen des öfteren die Argumente freier Contentverteilung, den Möglichkeiten der Technik folgend. Wie aber kann man den Problemen, die diese Technologie mit sich bringt, Herr werden?

Allem voran steht die Frage, welchen Wert eine verlustfrei und für den Urheber kostenfrei kopierbare Datei hat. Wir sind es gewohnt, Dinge zu bewerten und wertzuschätzen, die wir anfassen können, bei „unsichtbaren“ Gütern, ein paar Einsen und Nullen auf einem Datenträger, wird es schon abstrakter. Eine CD kann ich noch irgendwie anfassen, kann mit scharfem Auge sogar erkennen, dass die Oberfläche, wo beschrieben, eine andere Struktur aufweist. Bei USB Sticks, Festplatten oder SSDs wird es noch abstrakter. Die Datei verkommt zum reinen Virtuum.

Fakt ist, dass heute ein Großteil der Filme, Lieder und Bücher dieser Welt legal oder illegal in Form von Dateien existiert und naturgemäß kopiert wird. Selbst der ganz legale Kauf eines Liedes oder Buches im iStore ist faktisch schon eine Kopiererei, ist es doch unmöglich, die Originaldatei durchs Netz zu bewegen. Technisch ist es immer eine Kopie, idealerweise (für den Rechteinhaber) bei automatischer Löschung der Ursprungsdatei. Aber wenden wir uns mal dem von der Wirtschaft erkannten Problem der illegalen Kopien zu. In diesem Bereich passiert jeden Tag unglaublich viel, Petabytes an Daten werden durchs Netz befördert, ich möchte behaupten, dass wohl kaum jemand im Alter zwischen 15 und 50 noch nie ein illegal kopiertes Werk irgendwie, irgendwo auf einem seiner Datenträger hatte oder anderweitig konsumierte, begonnen mit dem streamen eines Youtube Videos mit geschützer Musik bis hin zum massiven Filesharing.

Das gefährliche: Jeder kann es! (Naja, fast jeder, man sollte schon eine Maus bedienen können und des Lesens mächtig sein).

Theoretisch kann ein 6 jähriger, der eine Maus bedienen kann, illegale up- und downloads initiieren, und praktisch kommt das auch vor. Beim Filesharing müsste da natürlich zumindest eine Software installiert sein, aber z.B. bei Ubuntu ist ein Torrentsauger gleich an Bord, so gesehen…. Klick und Leech. Bei MP3s wird es noch undurchsichtiger, da weiß man bei all dem Angebot an „kostenlose MP3 downloader“ im Android „Google Play“, Youtube to MP3-Konvertern und kostenlosen MP3 Downloadseiten die für sich in Anspruch nehmen, legal zu sein, schon garnicht mehr, was nun legal, illegal oder halblegal ist.

Es ist offensichtlich, die heutige Sicht auf das Urheberrecht ist nicht geeignet, auch nur im Ansatz eine Beurteilung der heutigen Realität vorzunehmen. Besonders deutlich wird das in einem kürzlich gefundenen Urteil eines US Richters, der eine Internetseite für illegal richterspruchte, die sich dem Gebrauchthandel mit iStore Liedern widmete. Hierfür wurde technisch Sorge getragen, dass das Lied beim Verkäufer von allen gesyncten Geräten gelöscht und erst dann an den Käufer übertragen wurde. So gesehen lizenzrechtlich einwandfrei scheinend, wurden die zugrundeliegenden Vorgänge vom Richter dennoch als Akt des illegalen Kopierens gewertet und entsprechend entschieden. (Link zum Artikel bei Zeit.de)

Nun bin ich persönlich grundsätzlich einverstanden, anzuerkennen, dass die Leistungen eines Kulturschaffenden nicht im Drucken eines Buches liegt, nicht im pressen einer CD, DVD oder Bluray, sondern im Ersinnen und Umsetzen des Inhaltes eben dieser Medien. Ergo bin ich dafür, dass der Urheber dieser Werke oder derjenige, der maßgeblich dazu beiträgt, diese Werke zu veröffentlichen und zu vertreiben, einen Lohn für seine Arbeit erhält. Wie aber kann das vor dem Hintergrund dessen, was heute so passiert, realisiert werden?

Ein mögliches Rezept scheint die so genannte „Kultur Flatrate“. Eine allgemeine Abgabe die es quasi dann überflüssig machen soll, noch gebühren auf Software zu zahlen. De Fakto gibt es die schon, mit der GEMA Abgabe auf Datenträger, die seit einigen Jahren CD Rohlingen, Festplatten etc. aufgeschlagen wird. Schon davor wurde im Handel zwischen bespielbaren Audiokassetten für private Aufnahmen und solchen zum Bespielen mit Musik unterschieden, ein kleiner Obulus bei letzteren floss zur GEMA und damit zu den Urhebern und Rechteinhabern. Bei weitem also kein neues Konzept, neu aber die Idee, diesen Mechanismus so auszuweiten, dass das kopieren von geschützten Werken damit legal wird.

Interessant finde ich das zum einen vor dem Hintergrund des GEZ-Aufschreis. Auf der einen Seite wird also eine Pauschalabgabe vehement abgelehnt, auf der anderen gefordert… darüber lässt sich zumindest streiten. Ist es gerecht, wenn der, der nichts lädt oder vielleicht mal ein Lied als Klingelton leecht genauso zur Kasse gebeten wird wie jemand, der täglich 40GB HD-Filme saugt? Und wo bleiben in dem System Distributoren, die Händler, die sich immerhin die Arbeit machen, brauchbare Netzplattformen für kommerzielle VOD-Lösungen zu kreieren? Ein Buch zu schreiben alleine, eine CD zu besingen, wird in den seltensten Fällen genügen, großen Massenerfolg zu feiern, so gesehen haben also selbst die Vermarkter, gerne als Contentmafia verschrien, ihre Daseinsberechtigung. Aber gut, lassen wir die paar vernichteten Arbeitsplätze mal außer Acht.

Dann bleibt am Ende immer noch eine Frage: Auf welche Kulturgüter und auf welche Form der Präsentation soll eine Kulturflatrate sich ausdehnen? Kopierbare Inhalte, die übers Netz verteilt werden können? Was, wenn jemand im Sinne der Gleichbehandlung fordert, diesen Vorteil auch im Kino geniessen zu dürfen? Im Theater? Im Musical? Was wäre mit denen, die sich weder für Film noch für Bücher noch für Musik begeistern? Der Aufschrei wäre wohl groß, wenn Oma Erna für den Genuß ihres alten Röhrenradios die gleiche Flat abdrücken müsste wie Leecher Larry, der die 50MBit Leitung permanent glühen lässt.

Und am Ende bleibt das Problem der Vergütung der Urheber. Wonach sollte man das aufschlüsseln? Ein System, das unlimitierten Zugang zu Werken gibt, führt jede Erfolgskontrolle ad Absurdum. Wo manch einer ganz gezielt das besorgt, was ihn interessiert, knallen andere Ihre Leitung auf Verdacht einfach mal mit allem voll, was sie gerade so finden.

Was genau sagen 50.000 Downloads von Lied XY aus, wenn es am Ende keiner hört sondern es einfach auf der Platte verkommt? Ist das nicht der Gegenwert von Lied YZ, das nur 100 mal geladen aber 100 x X-mal gehört wird, erheblich höher?

Das ganze Problem Urheberschaft bzw. Entlohung von Kulturschaffenden in Zeiten digitaler Kopierkultur erscheint mir doch sehr viel komplexer, als es manch ein Copyrightgegner gerne hätte, oder kann mir irgendwer ein Rezept sagen, dass allein die oben genannten Punkte, ohne auf weitere sicher vorhandene Knackpunkte einzugehen, adäquat umschifft?

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