Warum die Drossel eben doch ein Angriff auf die Netzneutralität ist…

Die Telekom wiegelt ab. Gebetsmühlenartig wiederholen Obermann und seine Mündel das Märchen von der Jungfräulichkeit der Netzneutralität, auch unter Bedingungen der Drossel. Nirgendwo, sagen sie, hiesse, es, Neutzenutralität sei kostenlos zu haben. Außerdem, so sagen sie, betreffe eine Priorisierung ja nur so genannte „Managed Services„, also Dienste, die in irgendeiner Form als „abseits des eigentlichen Internets“ gewähnt werden.

Für den Laien klingt das sogar logisch! Fernsehen unterlag ja bislang auch, ebenso wie Telefon, keiner „Volumenbegrenzung“. Da scheint es glasklar, diese auch auf IP-Basis anders zu werten, als schnödes Internet oder gar böse Onlinevideos. Außerdem, so sagen die Nutzer, welche das Netz im wesentlichen nur zum Emailen nutzen, sei das ja auch nur gerecht, wenn die bösen Heavy User nun endlich ausgefiltert und zur Kasse gebäten werden.

Was aber bedeutet die Drossel im Detail für die Netzneutralität? Nun, zuert einmal ergeben sich aus der Drossel ein paar neue Notwendigkeiten für die Netzbetreiber:

  1. Die Netzbetreiber müssen in der Lage sein, Managed Services von „normalem Netzcontent“ zu unterscheiden.
  2. Die Netzbetreiber müssen filtern und vorhalten können, WER WAS WANN an Traffic verursacht hat.
  3. Die Netzbetreiber müssen technisch in der Lage sein, Inhalte zu filtern und mit unterschiedlicher Priorität zu behandeln.

Diese 3 Kernelemente sind es. Diese 3 Kernelemente müssen dem Internet, wie wir es heute kennen, hinzugefügt werden, um die Drossel in ihrer geplanten Form überhaupt möglich zu machen.

Größtes Stichwort in dem Spiel sind die „Managed Services„. Also Dienste, die von der Telekom am normalen Datenverkehr vorbei auf die Überholspur geschickt werden. Spotify macht das im Mobilbereich vor. Inhalte von Spotify werden bei entsprechendem Abo ohne Anrechnung des Volumens aufs Handy gestreamt. Harmlos auf den ersten Blick, anbetrachts finanzschwächerer Wettbewerber, denen so überhaupt die Chance genommen wird, überhaupt an die Kunden der Telekom heranzukommen, schon fragwürdig.

Was aber am Beispiel Spotify am offenbarsten wird: Alles mögliche kann zum „Managed Service“ deklariert werden. Gegen Bezahlung. Es gibt keine Beschränkung im Sinne von „online Radio“, „IP TV“ oder ähnliches. Youtube könnte „Managed Service“ werden. Die Google Suche könnte „Managed Service“ werden. Amazon könnte „Managed Service“ werden.

Große Player am Markt können sich das erlauben, kleine nicht. Die dicken werden dicker, die kleinen fallen weg.

Und das tolle: Kaum einer der Endkunden läuft je in die Drosselung, wenn Google & Co. schweren Herzens und zähneknirschend in den sauren Apfel beissen. Die Kunden verbraten ungemindert Volumen, dann aber über „Managed Services“. Die Telekom kassiert nicht über die Kunden und Zusatzvolumen, sondern über die Diensteanbieter, die wiederum ihrerseits in kleinen Häppchen die Kohle im Vielfachen von den Kunden holen, der es nicht merkt, weil 2 Cent beim Musiktitel, 50 Cent mehr bei der Onlinefilmmiete oder 0,5% Aufschlag bei Amazon sich so hübsch verteilen, dass es garnicht kumuliert auffällt. Auch dadurch, dass solche Zusatzkosten sich auf die Nutzer der jeweiligen Dienste verteilen, also auf viel mehr Köpfe als nur die, der Telekomkunden. Alle Nutzer des jeweiligen Services zahlen für die Drosselkom!

Einzig, dass am Ende des Monats immer weniger Geld im eigenen Beutelchen über bleibt, das merkt man mehr so diffus, ohne greifbaren Verursacher.

Und die Telekom? Die ist fein raus. Wesentliche Diensteanbieter werden in den sauren Apfel beissen. Die Drossel wird wohl nur in den seltensten Fällen (bei filesharing z.B., das dürfte sich kaum als „Managed Service“ durchsetzen) greifen, die Diensteanbieter werden schon blechen. Mit dem Geld, dass sie von ihren Usern einnehmen, egal, über welchen Provider die User nun drauf zugreifen.

Die Drossel der Telekom, selbst wenn sie alleine bleiben sollte, betrifft also ALLE Nutzer potentieller Managed Services! Und das sind im Zweifel alle Nutzer des Netzes selbst!

Was bedeuten die 3 Punkte oben weiter? Nun, wenn Möglichkeiten zur einwandfreien Identifikation von Netzinhalten und Netzbenutzern erfasst werden, wird es sicher nicht lange dauern, bis diese Daten genutzt werden. Contentfilterung, gezielte Steuerung von Informationen, Separation von Spezialzugängen, das Netz wird fragmentiert.

Aus dem World Wide Web werden Nieschenlösungen. Die Telekom und die anderen Provider, die im Erfolgsfall sicher nachziehen werden, spannen ihre ganz eigenen Filterblasen über den Nutzern. Aus technischen Dienstleistern werden redaktionelle Betriebe, die rein monetär getrieben sind.

Wenn sortiert werden kann, wird sortiert werden. Wo sortiert wird, ist nichts mehr neutral. Die Freiheit im Netz in Gefahr. Speziell, wenn einzig relevanter Faktor der Sortierung Geld ist, ist.

Und wozu führt Sortierung? Zu Ungleichbehandlung. Ungleichgewicht. Ungleichgewicht, das sich verstärkt. Macht.

Der Plan ist so brilliant wie simpel, wenn man es auf das wesentliche runterbricht, könnte man es so ausdrücken:

Die Drosselkom nimmt ihre eigenen Kunden als Geiseln, um den Diensteanbietern das Messer auf die Brust zu setzen und Lösegeld zu erpressen! Die Kunden können nur konsumieren, wenn die Diensteanbieter blechen!

Spielen wir das Spielchen weiter. Spezialisierte Provider. Wie wäre es mit einem Internetprovider, der ausschliesslich Scientologyinhalte zu seinen Kunden vordringen lässt?!? Die Contentfilterung und Managed Services machen es möglich. Soziale Interaktion und Einflussnahme? Pustekuchen. Subkulturen in Subnetzen können sich bilden. Contentgefilterte Wahrnehmungsblasen einzelner Bevölkerungsgruppen. Kontrolle.

Ein Netzvideo aus dem ZDF beschreibt es recht treffend in Kürze:

DESWEGEN, nicht, weil uns ein bisschen Traffic weggenommen wird, nicht, weil es ein bisschen teurer werden kann, nicht,  weil wir mit der Zeit gehen wollen, WEGEN dieser möglichen Entwicklungen, müssen wir dieses Vorhaben der Telekom zum Stillstand bringen und den Grundstein legen, dass niemand überhaupt je wieder auf die Idee kommt, in diese Richtung auch nur zu denken.

Ach übrigens: Mittlerweile ist in der Presse angekommen, dass mit der Umstellung auf IP Telefonie, die bis 2016 alle T-Kom Kunden betreffen soll, auch die „neuen AGB“ gelten. Dies wurde von der Telekom bestätigt. Es wurde damit zwar nicht im Klartext gesagt, aber inhaltlich bestätigt, dass es 2016 keine Altverträge mehr geben wird.

Einziger möglicher, vorübergehender Ausweg bis zum nächsten Trick der Telekom: Morgen noch schnell auf IP Telefonie umstellen lassen!

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2 Gedanken zu „Warum die Drossel eben doch ein Angriff auf die Netzneutralität ist…

  1. Ich kann die Behauptungen nicht widerlegen, zumal sie durchaus schlüssig sind. Trotzdem klingt das auch etwas nach Agitprop. Zunächst einmal sind wesentliche Aussagen in Ihrem Artikel Behauptungen, die vom Leser kaum nachvollzogen werden können. Alles scheint von dem Gedanken getragen, dass das Netz frei zu halten wäre von jedwedem ökonomischen Handeln. Ist das realistisch – gerade angesichts der Übermacht, mit der sich der Kapitalismus auf der Welt breitgemacht hat?

  2. Niemand spricht davon, dass das Netz frei von ökonomischem Handeln sein soll, wenn höhere Preise nötig sind, um eine Leistung zu erbringen, dann sind höhere Preise nötig. Das Problem hier ist, dass die Telekom den Beweis schuldig bleibt und alle mir auffindbaren Quellen eine andere Sprache als die Telekom sprechen und obendrein die Telekom ja scheinbar zumindest im Moment selber künstlich für Engpässe (https://plus.google.com/u/0/102458928073783517690/posts/hhs9UHK8Hkw)

    Wirtschaftliches Handeln, JA. Aber das geht eben auch, ohne die Netzneutralität zur Disposition zu stellen oder die eigenen Kunden scheinbar an der Nase herum zu führen. Gewissse ethische Grundsätze darf man ja auch an Wirtschaftsunternehmen anlegen, oder?

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