Deutschland einig Kinderland…

familyDie Kanzlerin ist schockiert, eine aktuelle Umfrage weist aus, dass 67% der Deutschen die hohen Kosten als Grund angeben, sich gegen Kinder zu entscheiden.

Hohe Kosten? Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten arbeitet unsere Regierung doch daran, das Kinderkriegen attraktiver zu machen. Anspruch auf KiTa– und Krippenplätze, Herdprämie, Elterngeld, zig Maßnahmen zur „Förderung“ von Familien. Was geht da schief?

Ich möchte hier mal die Gelegenheit nutzen und kurz durchrechnen, was Kinderkriegen für eine Durchschnittsfamilie bedeuten mag. Aus eigener Sicht kann ich nur sagen, dass es mir in der Tat sehr kostspielig vorkommt. Und nicht nur das, außerdem ist man gesellschaftlich schon sehr auf die Probe gestellt, wenn man Kinder hat. Die Gründe will ich weiter unten ausleuchten.

1. Der Mathekram:

Beginnen wir mit ein paar Ausgangsannahmen:

Ich bediene mich bei Daten von Destatis (2012)

Durchschnittseinkommen Brutto Mann: 3 595 EUR
Durchschnittseinkommen Brutto Frau: 2 925 EUR

Gehen wir weiter von dieser typischen Verteilung und vom ersten Kind aus. Das würde bedeuten, dass vor dem Kind beide jeweils das Durchschnittseinkommen in Steuerklasse 4 erhalten. Mit Ankunft des Kindes würde dann die Frau vorerst zu Hause bleiben und 1 Jahr lang volles Elterngeld kassieren. Gleichzeitig würde der Mann in Steuerklasse 3 wechseln und die Frau in Steuerklasse 5, der Kinderfreibetrag landet beim Mann.
(Ich möchte hier jetzt keine Sexismusdebatte lostreten, das scheint mir im Moment schlicht die typische Verteilung zu sein.)

Anbetrachts eines Durchschnittseinkommens des Ehepartners hätte die Frau bei nicht-Tätigkeit voraussichtlich keinen Anspruch auf Hartz IV oder ähnliche Leistungen.

Berücksichtig wird ferner ein Kindergeld von 184,- EUR.

Das Elterngeld würde bei dieser Konstellation mit 65% des letzten Netto angenommen.

Es ergibt sich:

Elterngeld für 12 Monate:

Netto der Frau 1819,50 EUR x 65% = 1182,68 EUR

(basierend auf online brutto-netto-Rechner)

Dazu kommt das Elterngeld von 184,- EUR was uns in Summe auf ein Einkommen von

1366,68 EUR Einnahmen der Frau

bringt.

Das Elterngeld wird dabei steuerlich progressiv wirksam. Das bedeutet, dass zwar das Elterngeld selber steuerfrei ist, dafür aber das Einkommen des Gatten in der Steuerprogression so behandelt wird, als hätte er auch das Elterngeld verdient.

Was also passiert beim Mann:

  1. Er steigt von Steuerklasse 4 auf 3 um.
  2. Er erhält einen vollen Kinderfreibetrag.

Das bedeutet:

Netto alt: 2.137,08 €
Netto neu: 2.479,68 €
Gewinn: 342,60 €

Klingt erstmal gut. Aber halt, die Sache mit der Progression, die bedeutet nun folgendes:

Bei einem so angenommen Monatseinkommen von 4777,68 EUR (tatsächliches Einkommen + Elterngeld) wäre der durchschnittliche steuerliche Abzug 18.08% und damit 7799,71 EUR bezogen auf 3595,00 EUR tatsächliches Einkommen.

Bei 3595,00 EUR, dem tatsächlichen Einkommen, wäre der steuerliche Abzug im Schnitt 14,39% und damit nur 6.210,00 EUR.

Mit anderen Worten: Durch das Elterngeld steigt die Steuerlast um 1589,71 EUR.

Umgerechnet auf 12 Monate macht das je Monat 132,48 EUR Abzug.

Zusammengefasst heißt das:

Vorheriges Einkommen des Haushalts Netto:

Netto Mann:  2.143,40 €
Netto Frau:  1.823,92 €

Gesamt: 3967,32 €

Einkommen Netto nach der Geburt (geschätzt auf Basis obiger Annahmen):

Netto Mann:  2347,20 €
Netto Frau:  1.366,68 € (Elterngeld + Kindergeld)

Gesamt: 3713,88 €

Das bedeutet im ersten Jahr ein Minus von 253,44 EUR je Monat. Die Belohnung, Kinder in unsere Gesellschaft zu setzen!

Auf 12 Monate hochgerechnet sind das schonmal 3041,28 EUR entgangene Einnahmen im ersten Jahr.

Ist das erste Jahr geschafft, dann wirds aber erst richtig hart. Gehen wir mal ganz wohlwollend davon aus, dass ein Krippenplatz verfügbar wäre, so ist dieser in der Regel maximal so aufgestellt, dass er eine Halbtagstätigkeit erlaubt.

Nehmen wir also wohlwollend an, dass dieser Krippenplatz verfügbar ist und die Frau zufällig in der Nachbarschaft der Krippe arbeitet, so dass sie tatsächlich eine 50% Stelle wieder antreten kann.

Einkommen Brutto der Frau bei 50%: 1462,50 EUR
Bleibt netto bei Steuerklasse 5: 870,38 EUR

Hinzu kommt wie gehabt Kindergeld, im Gegenzug fallen nun Krippenkosten an. Wohlwollend gerechnet orientieren wir uns an den unteren Preisen städtischer Krippen, die liegen bei ca. 200,- EUR im Monat.

Rechnet man die Kosten für Krippe und das Kindergeld auf das Einkommen der Frau um, ergibt sich damit:

Netto Mann:  2.479,68 €  (Progression durch Elterngeld entfällt)
Netto Frau:  854,38 € (Netto + Kindergeld – Krippenkosten))

Gesamt: 3334,06 €

Gegenüber der Ausgangssituation haben wir nun ein Minus von 633,26 EUR je Monat. Die Krippenkosten lassen sich steuerlich absetzen, das wirkt sich hier wieder ein wenig aus, kompensiert das aber bei weitem nicht voll. Als Richtwert würde ich da mal 2400,- EUR ansetzen die sich steuerlich absetzen lassen, basierend auf dem durschnittlichen Steuersatz den wir weiter oben errechnet haben würden davon wohl ca. 15-20 % abgezogen werden, also bestenfalls ca. 480,- EUR jährlich zurückkommen.

Soviel zum Thema Geld. In gleicher Form wie das zweite Jahr dürfte es zumindest bis zum 5. Lebensjahr, wenn nicht länger, weitergehen. Anders ist das kaum zu wuppen. In heutiger Zeit sind Familienverbände gerne überregional zerrissen und alternative Betreuungsmethoden einfach zu teuer. Abgesehen davon, will man ja auch Zeit mit seinen Kindern verbringen. Ganztagsschulen nehmen zwar mehr und mehr einen Platz in unser Gesellschaft ein, sind aber für mich persönlich auch keine schöne Lösung, sehe ich es doch als sehr fraglich an, Kinder in die Welt zu setzen, um diese dann überwiegend in staatliche Obhut zu geben.

2. Der Nicht-Mathekram

Jetzt haben wir also Einkommen, Steuern und Kosten ein bisschen beleuchtet… kommen wir zu dem „anderen“.

Kinder machen unflexibel! Berufliche Veränderungen, die örtliche Veränderung nötig machen, werden praktisch unmöglich. Zusätzlich ist der Mitarbeiter mit Kindern in den Augen der Arbeitgeber tendenziell weniger verlässlich, muss er doch gegebenenfalls mal ein krankes Kind betreuen, unter Umständen auch über einen längeren Zeitraum und ist obendrein plötzlich sehr penetrant, was Urlaubszeiten angeht.

Schulferien von bis zu 6 Wochen am Stück lassen sich von Elternpaaren bei üblichen Urlaubszeiten von maximal 3 Wochen am Stück auch nicht wirklich familienfreundlich wuppen.

Kinder haben entwickelt sich damit ein Stück weit zur Karrierebremse. Lohnsteigerungen bleiben aus, berufliche Entwicklung unter Umständen auch. Vorzug wird den flexiblen Karrieremenschen gegeben.

Die damit verbundenen Ausfälle in der eigenen beruflichen Entwicklung lassen sich nicht beziffern, sind aber zweifelsohne auch nicht von Pappe.

Und nun noch ein letztes Stück Mathematik:

All die oben genannten Punkte, die Berechnungen der Einkommensausfälle, die Side-Effects, haben noch nicht berücksichtigt, dass da nun ein neuer, kleiner Mensch in der Familie aufgeschlagen ist.

Dieser kleine Mensch will groß gemacht werden. Lebensmittel, Spielzeug, Möbel, zusätzliche Energiekosten, Fahrerei, Bücher (Schulbücher), Telefonate… alles zusammengenommen, liegen die „Kosten“ für ein Kind bei diversen hundert Euro im Monat, optimistisch geschätzt so 500,- bis 700,-, pessimistisch geschätzt geht es eher so Richtung 1000,- EUR.

Ein weiterer Punkt (Nachtrag angeregt durch Kommentar) sind Zusatzkosten bei alltäglichem, schlicht durch die höhere Anzahl an Personen. Reise- und Urlaubskosten, Kino, Ausgehen in Restaurants oder zu Kulturereignissen. Mit Familie wird all das teurer, die Teilnahme am „ganz normalen Leben“ schwerer. Babysitter/Kinderbetreuung kosten ebenso Geld wie die zusätzliche kleine Person, die allüberall zu zahlen ist, Krankentage der Kinder können von den Eltern ab einem bestimmten Punkt nur noch durch unbezahlten Urlaub betreut werden.

Nun ja, im Gegenzug bekommen Eltern ja reichlich Lob und Anerkennung von der Gesellschaft… man merkt das jeden Tag. Kinder sind überall willkommen, der durchschnittliche Deutsche hört nichts lieber, als fröhliches Kindergejohle und schätzt nichts höher, als die Mühen junger Eltern….

Deutschland, einig Kinderland….

(Zahlen, Daten und Fakten stammen von verschiedenen Online-Quellen. Brutto-Netto Rechner, Berechnungstool für den eigenen Steuersatz, Wikipedia etc.
Die hier angestellten Berechnungen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Korrektheit, sind aber auf Basis der mir bekannten Daten nach bestem Wissen und Gewissen angestellt. Sollten Fehler auffallen die Korrekturen bedingen, bitte ich um kurzes Feedback im Kommentar.
Meine Berechnungen gehen aus von „Elterngeldjahr = Steuerjahr“, da sich das aber am Geburtstag des Kindes orientiert, ist das so nicht zutreffend, es kann also auch „günstiger“ werden, im Idealfall, wenn das Kind exakt zur Mitte des Jahres geboren ist, verteilt sich das „Mehr“ das steuerprogressiv wirksam wird, hälftig auf zwei Jahre. Faktisch ist das eine zusätzliche Ungerechtigkeit im System, da es „bestraft“ wird, wenn ein Kind sehr früh oder sehr spät im Jahr geboren ist.)

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4 Gedanken zu „Deutschland einig Kinderland…

  1. Das haut ganz schön rein. Danke für die Übersicht. Betrifft mich zwar noch nicht, trotzdem ist es ganz interessant nachzuvollziehen.

    Man hat es in Deutschland anscheinend echt nicht leicht; alleine wenn ich mir anschaue, wie kinderfeindlich unsere Gesellschaft doch eingestellt ist. Vergleicht das mal mit anderen Ländern. In wirtschaftlich schwächeren Ländern scheinen Kinder mehr zu zählen – hier in Deutschland zählt meist das Geld und die Macht.

    Klar, man muss auf einiges verzichten, wenn man Kinder hat. Dann wird halt nicht jedes Jahr ein neues Smartphone gekauft und der größere Fernseher muss auch warten. Wir sind hier im Haushalt 4 Kinder. Ich bekomme es also täglich zu spüren. Ein riesen Urlaub ist einfach zu teuer; dann müssen halt Tagesausflüge reichen. Taschengeld ist auch nicht so viel gewesen wie bei den anderen Kindern. Man bekommt nicht alles gekauft, bezahlt und geschenkt. Weihnachten fällt magerer aus. Man muss sich sein eigenes Geld früh selbst verdienen, wenn man sich neue Hardware besorgen will.

    Das alles ist oft nicht einfach, vor allem nicht, wenn man in einer Gegend aufwächst, in der viele besser verdienende Menschen leben, die sich so manchen Luxus leisten.

    Aber wisst ihr was? Ich bin froh, dass ich eine große Familie habe, 3 Geschwister und Eltern, die sich um mich kümmern. Man lernt früher, Verantwortung zu übernehmen, man lernt, dass das Leben kein Spiel ist und dass man arbeiten muss, wenn man sich etwas neues leisten will. Man lernt, zu verzichten und mit weniger zufrieden zu sein.

    Das ist mir lieber, als ein reicher Mann zu sein, der nicht weiß, wohin er all sein Geld stecken soll und der alleine stirbt. Das nenne ich ein trauriges Leben.

    Ich will unbedingt auch mal Kinder. Man muss dafür Opfer bringen, das ist völlig klar. Es ist sicherlich anstrengend, Kinder aufzuziehen, ganz besonders, wenn sie noch sehr jung sind. Man bekommt das aber alles zurück; wenn auch nicht in Form von Geld. Aber das ist es ja auch nicht, was zählt…

    LG Thomas

  2. Jupp, man bekommt im Gegenzug einiges. Familie macht glücklich und gibt dem Leben einen Inhalt auf einem Niveau, das nichts anderes bringen kann.

    Den Aspekt von zusätzlichen Kosten schlicht durch die Anzahl zu versorgender Menschen, zum Beispiel bei der Urlaubsbuchung oder beim Besuch eines Restaurants, Kinos, Vergnügungsparks oder ähnlichem, hab ich jetzt garnicht berücksichtigt in meinem Post… sollte man vielleicht noch mit reinbringen, denn auch dieses kürzer treten in solcher Hinsicht ist letztlich ein Stück weit gesellschaftlicher Ausschluss…

    Ich finds nur krank, mit welch gebetsmühlenartiger Gleichmässigkeit unsere Regierung das Lied von Kinderfreundlichkeit singt und wie ineffizient das im Gegenzug umgesetzt wird. Mich wundert nicht, das Kinderlose, die diese Rechnung im Vorfeld anstellen, lieber die Finger davon lassen…

  3. Achja und… Wenn die Konstellation einigermaßen bleibt wie bisher, ist es die Mutter der Kinder, die sehr viel größere Opfer wird bringen müssen…

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