Macht Euch nackich und schafft Euch ab!

DSC_1185Wie vielen Leuten hast DU in den letzten 12 Monaten schon Arbeit weggenommen?

Für wie viele Leute hast DU in den letzten 12 Monaten schon umsonst gearbeitet?

Und ich rede jetzt mal nicht von Freundschaftsdiensten. Ich rede nicht davon, der schicken Nachbarin den Kasten Cola die Treppe hoch zu tragen. Ebensowenig rede ich davon, bei der Arbeit einem Kollegen was abzunehmen, weil es dann fixer von statten geht oder mal ne unbezahlte Überstunde zu schieben.

Wovon redet der Kerl?

Eigentlich simpel. Ich rede davon, am Flughafen mal kurz über den Ticketschaltertresen zu hopsen, die Flughafenangestellte beiseite zu schubsen und sich seine Buchung selbst zu machen. Ich rede davon, im Restaurant den Kellner nach Hause zu schicken und selber in die Küche zu laufen, um sein Essen zu holen. Ich rede davon, jeden Tag ein paar Stunden in einem Buchladen herumzulaufen, die Angestellten nach Hause zu schicken und die Leute da zu beraten und ihnen Bücher zu verkaufen.

Oder anders: Was würdet Ihr sagen, wenn Ihr im Baumarkt für mehrere hundert Euro einkauft und der Bitte nach einer Rechnung mit der Gegenfrage

Haben Sie den 3 Blatt Druckerpapier dabei?

begegnet wird? Man wäre wohl doch eher irritiert oder?

Worauf will der Kerl hinaus?

Ganz ehrlich…. weiß ich im Moment selbst nicht. Aber es scheint schon seltsam. Wir klagen. Wir klagen permanent. Über alles mögliche.

  • Schlechter Service überall
  • Rückgang von guten Angeboten, speziell im ländlichen Raum
  • Abwanderung des Handels vom ländlichen Raum
  • Videotheken, kleine Kinos und Büchereien schliessen
  • Beratungsqualität im Handel nimmt dramatisch ab

Auf der anderen Seite arbeiten wir alle mit daran, dass genau das verstärkt wird….

Nein, wir hopsen am Flughafen nicht mal kurz über den Ticketschaltertresen , schubsen die Flughafenangestellte beiseite und machen uns unsere Buchungen selbst, ABER, wir machen genau das online. Kinokarten, Flugtickets, Urlaubsbuchung….. wir machen es selbst.

Nein, wir laufen nicht in den Buchhandel und Beraten die Kunden, aber wir schreiben Rezensionen auf Amazon und machen genau das online. Anschliessend wundern wir uns, dass der Buchladen um die Ecke verschwindet….

Nein, wir schubsen nicht den Kellner aus dem Restaurant, aber wir ziehen im Zweifel das SB-Fastfoodrestaurant dem kleinen Italiener vor… und das in der Regel für teurer Geld… Eine Portion frische Spaghetti jedenfalls kostet oft gleich oder weniger als ein Menü ähnlichen Nährwerts im SB.

All das lassen wir uns verkaufen als „Service“, als tolles Plus, als Zusatzleistung. Zusatzleistung, die darin besteht, dass wir es selber machen. Es handelt sich um ein Minus an Service. Eine Einschränkung. Und wir finden es alle toll, schreiben unsere eigenen Rechnungen, drucken sie auf unserem eigenen Papier, beraten uns gegenseitig, schicken uns gegenseitig in die Läden, in denen wir uns dann selbst bedienen und wieder neue Rechnungen schreiben. Dabei stehen wir dann noch selbst für Fehler gerade, weil wir es ja selber sind, die uns die Rechnungen schreiben….

Wir hinterlegen unsere Daten dabei in dutzenden Shops, in Netzwerken, auf denen wir unsere Einkaufserfahrungen teilen, benutzen elektronische Bezahlwege, teilen unsere tollen oder weniger tollen Erfahrungen in sozialen Netzen mit, füttern unsere eigenen Statistiken und freuen uns über den guten Service….

Am Ende werden wir jeden Job, der sich wegrationalisieren lässt, selber wegrationalisiert haben, weil wir die Arbeitsleistung „Service“ schlicht selber übernehmen… „Service“ wird von etwas auf gegenseitigem basierenden zu einer Art Onanie, Self-Service…. die Selbstbefriedigung in Sachen bedient werden…. Das ist doppelt oder dreifach schade, weil zum einen im Service, zumindest für mich, oftmals gerade das Erlebnis und die Wertschätzung liegt, weil durch diese permanente Selbstbefriedigung des Servicebedürfnisses zwischenmenschliches verloren geht und weil wir genau durch dieses Verhalten uns selber gläsern machen und noch aufgeilen an den Vorteilen, die unsere eigene Transparent uns bringt, wenn Werbebanner und Suchergebnisse auf uns abgestimmt sind. Dass wir damit ganz nebenbei noch Arbeitsmarktpotentiale vernichten, sei nur am Rande erwähnt.

Wenn wir aber feststellen, dass genau diese Gläsernheit Geheimdienste überall darauf bringt, uns vor ihrem virtuellen Auge nackich zu machen, dann erstarren wir in gespielter Empörung und lassen unseren Frust bei einem gepflegten Online-Einkauf und in einigen Rants auf den einschlägigen Sozialen Netzen raus, um uns noch ein bisschen gläserner zu machen…

Ein trauriges Spiel, das wir selber forcieren und über dessen Folgen wir uns dann wundern. Weil wir immer nur bis zum nächsten schnellen Einkauf denken können, bis zum nächsten neuen Thema, das wir durch die Netzwerke treiben können, bis zur nächsten Gehaltsabrechnung. Könnte der Mensch doch nur länger als 3 Monate in die Zukunft denken und mehr als 5 Jahre der Vergangenheit überblicken…. vielleicht wären die Dinge dann anders….

So werden wir wohl weiter die Dienste der Welt mit Daten füttern und uns dann wundern, wenn diese auch benutzt werden… zu unserem Vorteil wie zu unserem Nachteil…. ohne jegliche Kontrolle durch uns selbst….

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